Ausgangslage
1918 gab es kaum Möglichkeiten, eine geregelte Ausbildung für Flugzeugbesatzungen oder Mechaniker in Finnland durchzuführen. Es mangelte an Flugzeugen, Ersatzteilen, Treibstoff und erfahrenem Personal. Deshalb musste in Erwägung gezogen werden, die Ausbildung im Ausland zu absolvieren. In der Praxis war Deutschland die einzige Alternative, da eine Entsendung zur Ausbildung an andere Orte während des Weltkriegs unmöglich war. Der starke Einfluss der Deutschen auf die finnische Armee erleichterte den Entschluss, die Ausbildung in Deutschland durchzuführen.
Bereits Ende April 1918 gelang es die finnischen Feldwebel
Jarl Malmlund und
Harry Nielsen zur Ausbildung nach Deutschland zu schicken. Zu diesen beiden Herren gibt es einen Artikel auf meine
Homepage, deswegen ich nicht näher darauf eingehe.
Flugzeugführer
Nach den beiden ersten nach Deutschland entsandten Männern dauerte es bis August 1918, bevor die nächsten Ausbildungsgruppen nach Deutschland aufbrachen. Ausbildungswillige waren über Zeitungsanzeigen gesucht worden, und in den anderen Truppenteilen wurden entsprechende Bekanntmachungen veröffentlicht. Nach der Auswahl kam eine Gruppe von insgesamt 58 Männern zusammen, von denen 17 zur Fliegerschule der II. Seeflieger-Abteilung bei der SFS Libau (lettisch Liepaja) zur Pilotenausbildung geschickt wurden. Ihr Zielort, das von den Deutschen im Weltkrieg eroberte Libau, war für die Finnen kein unbekannter Ausbildungsort. Die finnischen Jäger waren von Ende 1916 bis zu ihrer Rückkehr in die Heimat im Februar 1918 in Libau ausgebildet worden. Die Finnen waren in Libau also im Guten wie im Schlechten bestens bekannt.
Zum Leiter des nach Libau entsandten Kommandos für die Pilotenausbildung wurde
Fähnrich Gerdt Wrede ernannt.
Zum Kommando gehörten:
- Kornett Carl von Haartman
- Fähnrich Rafael Hallamaa
- Fähnrich Kosti Oksala
- Feldwebel August Jansson
- Feldwebel Ragnar Pettersson
- Feldwebel Onni Saastamoinen
- Feldwebel Santtu Tschernichin
- Feldwebel Harry Tuompo (+30.05.1920)
- Sergeant Leo Saukkonen (+11.02.1921)
- Unteroffizier Olof Hongell (+15.08.1919)
- Unteroffizier Martti Davidsson
- Korporal Lauri Arvola
- Flieger Kurt Berger
- Flieger Kuno Chanson (später Janarmo)
- Flieger Erland Nygrén (später Näremaa)
- Flieger Harald Tanner
Ausbildungspersonal der Seefliegerschule in Libau
Beobachter
Gleichzeitig mit der nach Libau kommandierten Gruppe wurde eine Gruppe von 15 Schülern zur Beobachterschule bei der SFS Wiek auf die Insel Rügen geschickt. Als Leiter dieses Kommandos fungierte
Jägerfähnrich Harald Lilja.
Zum Kommando gehörten:
- Fähnrich Erik Stenbäck
- Fähnrich Äly Durchman
- Fähnrich Ivar Hedström
- Fähnrich Ensio Krohn
- Feldwebel Paul Hjelt
- Feldwebel Bruno Holmström
- Feldwebel Lauri Railio
- Feldwebel Volmar Slotte
- Sergeant Per Jansson
- Sergeant Eino Teräskallio (+01.09.1919)
- Unteroffizier Carl-Erik Leijer (+07.09.1920)
- Flieger Gunnar Appelgren
- Flieger Harry Juselius
- Flieger Josef Lönnberg
Mechaniker / Tischler
Der Vollständigkeitshalber soll hier noch das dritte Kommando von 26 Männern erwähnt werden. 20 zur Ausbildung als Mechaniker bei der SFS Holtenau und 6 zu Ausbildung als Tischler.
Zum Kommando als Mechaniker gehörten:
- Sergeanten Vilho Markkula
- Sergeanten Vilho Oksanen
- Sergeanten Karl Stenij
- Korporal John Österholm
- Flieger Yrjö Aalto
- Flieger Reino Ajo
- Flieger Aleksander Hasse
- Flieger Eino Holmsten
- Flieger K. Höijer
- Flieger Reino Itäranta
- Flieger Georg Jäderholm
- Flieger Toivo Lehto
- Flieger Hakon Maury
- Flieger Gustaf (Gösta) Michelsson
- Flieger Carl Morell
- Flieger Martti Randén (Rankamo)
- Flieger Eero Saikko
- Flieger Urho Virtanen
- Mechaniker Karl Villiam Tuominen
- Jägerfeldwebel Eino Laine wurde Ende August als Ausbilder und Dolmetscher für das Kommando entsandt.
Zur Ausbildung als Tischler:
- Matti Korhonen
- August Lehtonen
- Yrjö Rautio
- August Saarela
- Aarne Suominen
- Niilo Vuori
Bis Anfang August 1918 stand der Großteil der nach Deutschland Abreisenden fest. Der finnische Flugchef Hauptmann Car Seber verabschiedete das Kommando am 3. August auf dem Flugplatz Hermannin und versprach den zivilgekleideten Männern, zeitnah für Uniformen zu sorgen. Die Reise begann am darauffolgenden Tag mit dem deutschen Schlepper Hamburg nach Tallinn (damals Reval). Von dort wurde die Reise mit dem Zug nach Libau fortgesetzt; diejenigen, die auf die Insel Rügen reisten, setzten ihren Weg nach Süden fort.
Die Ausbildung in Libau war straff organisiert und bestand aus Übungsflügen, abwechselnd mit theoretischem Unterricht in den Bereichen Motoren-, Wetter-, Luftfahrt- und Flugzeugbaukunde. Neben Fliegen und Theorie wurde auch eine Infanterieausbildung absolviert, und es war natürlich kein Wunder, dass die Übungen, die die seemännischen Fähigkeiten betonten, in der Ausbildung der Männer im Vordergrund standen.
Als Schulflugzeuge dienten Maschinen der Friedrichshafen Flugzeugwerke. Maschinen dieses Modells gehörten zur Erstausstattung der finnischen Fliegertruppe.
Neben der Ausbildung der Finnen lief auch das Tagesgeschäft in Libau weiter und so kam es, dass nicht ausreichend Schulungsflugzeuge für das Kommando zur Verfügung standen. Das machte sich insbesondere bei den Alleinflügen bemerkbar.
Die Verpflegung war ausreichend, aber von schlechter Qualität. Die Unterkünfte waren dafür deutlich besser als in der Heimat.
Auch in Wiek war die Ausbildung der Beobachter sehr fordernd nicht zuletzt aufgrund der Sprachbarierre. Ausbildung in Navigation, Luftbildfotografie, Funk sowie der Umgang mit dem Bordmaschinengewehr standen auf dem Stundenplan.
Schließlich erhielten die Finnen Anfang November die finnischen Uniformen, die Seber ihnen Anfang August aus Finnland versprochen hatte.
Aufgrund der Unruhen Anfang November musste die Ausbildung abgebrochen werden und das Kommando kehrte übereilt über Tallin mit einem finnischen Zollboot nach Helsinki. Die Ausbildung konnten nur Wrede, Hallamaa, Oksala, Hongell und Davidsson abschließen.
Die Absolventen bildeten den Grundstock der finnischen Marinefliegertruppe. Trotz der Tatsache, dass die Ausbildung recht kurz gewesen und bei einigen unvollendet geblieben war, nahm das Fachwissen innerhalb der Teilstreitkraft dank ihnen erheblich zu.
Olof Hongell
Der am 14. August 1898 in Helsinki geborene Olof Hongell war einer der erfolgreichsten jungen Piloten der finnischen Anfangszeit.
Seine Mutter war
Hilda Hongell (geb. Sjöblom), die als erste weibliche Baumeisterin Finnlands gilt, und sein Vater der Baumeister Anders Sanfrid Hongell. Sein Bruder Hans Göran Hongell wurde später ein bekannter Glaskünstler und künstlerischer Leiter bei Karhula-Iittala.
Die Pläne für ein Diplom-Ingenieurstudium hatten sich im Winter 1917/18 geändert, als Hongell als einer der ersten Helsinkier in einer Gruppe nach Österbotten
(Pohjanmaa) zog, wo er sich der dort aufgestellten Artillerie anschloss. Den Fliegertruppen war Hongell im März 1918 zunächst als Mechaniker beigetreten. Schon bald wurde er Flugschüler und man schickte ihn zur Fliegerschule nach Libau.
Personal der Flugstation Koivisto 1919.
Hongell erhielt als 9. das finnische Fliegerabzeichen am 17.11.1918.
Nach der Rückkehr und einer kurzen Dienstzeit in Santahamina wurde Hongell nach Koivisto (heute Primorsk, Russland) zur dortigen Fliegerstation kommandiert, wo er als Flugzeugführer an Aufklärungs- und Bomberflügen sowie an Hilfsflügen teilnahm, mit denen den Fischern der Schären des Finnischen Meerbusens im Winter 1919 geholfen wurde.
Die Station in der Bucht von Wyborg verfügte über 2 Friedrichshafen FF 49C (Kennung C.59/18 und C.72/18) und wurde von Leutnant Arvi Pajunen geführt. Es war der vormals von der Kaiserlichen Marine im August 1918 eingerichtete Flugstützpunkt Björko-Sund, den die Finnen nach der Aufgabe durch die Deutschen übernommen haben.
Flugzeugführer waren Fähnrich Gerdt Wrede und Olof Hongell, Beobachter Fähnrich Äly Durchman und Paul Hjelt. Hongells Beobachter wurde, der in Wiek ausgebildete, Hjelt.
Aus der Zeit in Koivisto sind einige Ereignisse überliefert, die ich hier darlegen möchte.
Am 27. Dezember 1918 beispielsweise flogen Fähnrich Hongell und Fähnrich Hjelt mit Friedrichshafen FF 49C (militärisches Kennzeichen C.59/18) einen zweieinhalbstündigen Aufklärungsflug auf der Route Koivisto - Karavaldain niemi (Kap Karawalday) - Narvanlahti (Narwa-Bucht) - Kronstadt - Koivisto. Auf dem Flug wurden in einer Höhe von etwa 1000m russische Schiffe gesichtet, bei denen es sich offensichtlich um Transportschiffe für Nachschub handelte, der für die auf der estnischen Front kämpfenden russischen Truppen bestimmt war.
Die Flugstation Koivisto erhielt im Winter 1918/19 eine wichtige Aufgabe, die Versorgung der Außeninseln im Finnischen Meerbusen. Es wurden Lebensmittel und Post auf die Inseln transportiert sowie nach vermissten Fischern gesucht. Der Bezirkskommissar von Koivisto meldete der Flugstation am 9. Februar 1919, dass Fischer aus Koivisto samt ihren Pferden auf einer losen Eisscholle abgetrieben worden seien. Da die Lage besorgniserregend schien, machten sich Hongell und Hjelt sofort auf den Weg. Sie entdeckten auf zwei Eisschollen jeweils fünf Männer, aber das Eis zwischen den Schollen schien stark genug zu sein, sodass sie davon ausgingen, dass die Fischer aus eigener Kraft nach Koivisto gelangen könnten. Nordöstlich von Seiskari sah man auf einer großen Eisscholle etwa fünfzig Männer und rund zehn Pferde. Die Flugzeugführer landeten auf Seiskari, von wo aus sie Einheimische zur Rettung der Fischer losschickten. Auf Seiskari erfuhren sie, dass von russischer Seite her das Dröhnen schwerer Artillerie zu hören gewesen war und dass man auf der Insel seit über einem Monat keine Informationen aus Festland-Finnland erhalten hatte. Sie nahmen die Post der Inselbewohner mit.
Auch am darauffolgenden Tag wurde eine Suchaktion nach vermissten Fischer gestartet. Hongell und Hjelt machten sich erneut auf die Suche. Sie sichteten eine große Gruppe auf einer Eisscholle nahe dem Leuchtturm von Narvi. Sie landeten auf der Scholle, und da den Fischern der Proviant ausgegangen war, gaben sie ihnen etwa zwanzig Kilo Brot, das sie mitgebracht hatten. Als sich einige Fischer zum Leuchtturm von Narvi gerettet hatten, wurde auch ihnen Brot aus dem Flugzeug zugeworfen. Auf demselben Flug brachten die Piloten Post nach Lavansaari und Seiskari.
Am 22.Juni 1919 führten die Finnen mit zwei Flugzeugen einen Aufklärungs- und Bomberflug nach Kronstadt durch. Das eine Flugzeug wurde von Fähnrich Wrede gesteuert, mit Fähnrich Durchman als Beobachter, und das andere Flugzeug von Fähnrich Hongell, mit Leutnant Hjelt als Beobachter. Wrede beschrieb die Ereignisse wie folgt:
"Während des Fluges stellten wir fest, dass jene russischen Kriegsschiffe, die in der Nacht einen Angriff auf finnische Hoheitsgewässer verübt hatten, gerade in den Hafen von Kronstadt zurückkehrten, als wir in einer Höhe von 2.000 Metern über Kronstadt eintrafen. Wir warfen 5 Bomben aus dem Flugzeug ab: Eine fiel in den Hafen, zwei in die Lagerhäuser am Hafenufer, wo sie einen Brand verursachten, und zwei zwischen die im Hafen liegenden Schiffe."
Die Besatzungen fotografierten ihre Angriffsziele, und auf den Aufnahmen war zu erkennen, dass die Bomben einen im Hafen befindlichen Treibstofftank entzündet hatten. Eine der Bomben hatte den Hafenkai direkt neben dem Schlachtschiff Petropawlowsk getroffen. Die Maschine von Hongell und Hjelt versuchte, Torpedoboote zu bedrängen, die auf der finnischen Seite kreuzten. Hjelt warf fünf Bomben auf sie ab, diese trafen jedoch nicht, da die Schiffe ständig ihren Kurs änderten. Die russische Flak wiederum versuchte erfolglos, die finnischen Flugzeuge abzuschießen.
Friedrichshafen FF 49C (C.59/18) im Juni 1919 an der Küste von Lavansaari. Ole Hongell sitzt auf einem Benzinkanister und Gerdt Wrede auf dem Schwimmer.
(abgebildet in "Kotkanpojan Lentoonlähtö" von Mikko Uola)
Friedrichshafen FF 49C (C.59/18) in Koivisto, bereit für einen Aufklärungsflug. (abgebildet in "Kotkanpojan Lentoonlähtö" von Mikko Uola)
Olof Hongell starb am 9. August 1919, wenige Tage vor seinem Geburtstag, an den Folgen eines Flugzeugabsturzes im Dorf Koivisto (heute Primorsk, Russland) am Finnischen Meerbusen. Er wurde nur 20 Jahre alt.
Hongell steuerte am 8. August die Friedrichshafen FF. 49C (militärisches Kennzeichen C.59/18), das kurz zuvor frisch instand gesetzt worden war. Gegen 16:40 Uhr befand sich die Maschine mit drei Personen an Bord in der Luft. In einer Höhe von etwa 100 Metern flog Hongell eine zu steile Kurve. Dadurch verlor das Flugzeug drastisch an Geschwindigkeit, es kam zum Strömungsabriss, und die Maschine stürzte steil zu Boden. Neben Hongell, befand sich Feldwebel A. Rantasalmi an Bord. Beide erlitten bei dem heftigen Aufprall so schwere Verletzungen, dass sie verstarben. Ein dritter Insasse, Unteroffizier Åkerblom, überlebte das Unglück mit vergleichsweise leichten Verletzungen.
Zeitungsartikel über den Absturz am 8. August 1919
Flugzeugabsturz in Koivisto.
Am 8. August 1919 ereignete sich in Koivisto ein tragischer Flugzeugabsturz, bei dem ein Frontpilot, Reserveleutnant Olof Hongell, und Sergeant Albert Rantasalmi ums Leben kamen. Die Maschine stürzte aus 400 Metern Höhe auf ein Feld. Hongell war sofort tot, während Rantasalmi später seinen Verletzungen erlag. Hongell war womöglich der geschickteste Pilot unseres Landes, wie einer seiner Kameraden berichtet. Nach der Einnahme Helsinkis konnte er nach Deutschland reisen und dort eine umfassende Pilotenausbildung absolvieren; anschließend diente er in Santahamina und Koivisto. In dieser Zeit rettete er häufig Fischer, die abgetrieben worden waren, und unternahm erfolgreiche Aufklärungsflüge auf die russische Seite, um die Lage der bolschewistischen Schiffe zu erkunden. Einmal zwang er durch geschickte Manöver ein Torpedoboot dazu, auf Grund zu laufen. Viele dieser Einsätze erforderten großen Mut. Einmal brach ihm direkt über Kronstadt der Propeller ab. Dank seiner Entschlossenheit und Besonnenheit gelang es ihm jedoch, den Motor abzustellen und die Maschine so zu steuern, dass sie an der Festung von Ino landete. Er war ein Pilot durch und durch. Genau jene Art von Pilot, die einer seiner dänischen Kollegen in einem Artikel dieser Ausgabe beschreibt. Selbst auf der Trage liegend war er so fröhlich und scherzhaft wie eh und je. Er hegte stets den Wunsch, Kunst- und Kampfflieger zu werden. Die großen Maschinen, die er fliegen musste, behagten ihm nicht. Er wünschte sich einen leichten, kleinen Flieger, mit dem er alle Kunststücke der hohen Schule der Fliegerei vollführen konnte. Auf diese Weise wollte er seinem fröhlichen und lebhaften Wesen freien Lauf lassen. Er wäre sicherlich der Pegoud unseres Landes geworden, hätte das Schicksal ihn nicht im Alter von 20 Jahren aus dem Leben gerissen.
Mit Trauer geben wir bekannt, dass unser lieber Freund und Kamerad, Frontpilot und Leutnant der Reserve Olof Hongell,
am 9. August 1919 im Provinzkrankenhaus von Wyborg an den Folgen eines Flugzeugabsturzes verstorben ist,
den er am 8. August 1919 bei Koivisto erlitten hatte. Die Kameraden vom Flugplatz Koivisto.